Michael Okroy:
Kaschau war eine europäische Stadt ...
Ein Reise- und Lesebuch zur jüdischen Kultur und Geschichte in Košice und Prešov


"Kaschau war eine europäische Stadt ..." – so erinnerte sich der postum zu Weltruhm gelangte ungarische Schriftsteller Sándor Márai (1900–1989) an seine geliebte Geburtsstadt. Denn in der ostslowakischen Metropole lebte ein "europäisches" Völkergemisch unterschiedlicher Sprache und Religion weitgehend friedlich miteinander, ehe die mörderische Politik der Nationalsozialisten sowie ihrer ungarischen und slowakischen Helfershelfer dem ein Ende setzte. Hauptleidtragende waren Juden, die entscheidend zum wirtschaftlichen Aufstieg und zur kulturellen Blüte Kaschaus beigetragen hatten.

Michael Okroy geht den vielfältigen Spuren jüdischer Vergangenheit und Gegenwart in Košice und der Nachbarstadt Prešov nach. Auf Stadtrundgängen erschließt er ein vernachlässigtes Kapitel der lokalen Geschichte und Kultur. Am Beispiel Košice zeichnet er die Katastrophe der mitteleuropäischen Juden nach: 1944 ist nicht nur die große jüdische Gemeinschaft fast vollständig ausgelöscht worden. Der Bahnhof wurde darüber hinaus zum »Umschlagplatz« für über 300 000 ungarischer Juden auf dem Transport in die deutschen Vernichtungslager in Polen. In einer akribischen Spurensuche hat der Verfasser exemplarisch Einzelschicksale rekonstruiert und Schauplätze erkundet. Jüdische Zeitzeugen erzählten ihm von ihren bewegenden Erfahrungen.

Heute bemühen sich die Jüdischen Gemeinden in Košice und Prešov mit großer Hingabe, das Gedenken an die Schoah mit einer selbstbewußten Wiederbelebung jüdischen Lebens zu verknüpfen. Das Erinnern an die reichen jüdischen Traditionen ist ihnen ein wichtiges Anliegen. Dazu gehört auch die Pflege und Bewahrung von Synagogen, Museen, Friedhöfen, die teilweise akut von Verfall bedroht sind.

Diese bewußt zweisprachige Buchpublikation soll den Mitteleuropareisenden ebenso ansprechen wie die Bewohner dieser Städte. So ist ein Stadtführer entstanden, der neugierig auf eine Reise in die Ostslowakei, auf den Besuch von Košice und Prešov macht, der ein hervorragender Begleiter auf Streifzügen vor Ort ist.

Zusätzlich lädt der Band zur Lektüre von Geschichten über die beiden Städte und die Region ein. So vielfältig wie die einstige Einwohnerschaft, liest sich der große Literaturteil Kaschauer Lesebuch mit Beiträgen von Kaschauer Autoren wie Sándor Márai, Dusan Simko, Stanislav Rakús, Eduard Goldstücker und Olivér Rácz; von Besuchern wie Egon Erwin Kisch, Daniel Speer, Ivan Olbracht, Joseph Roth, Fritz Beer und Karl-Markus Gauß.

Es bleibt wohl nur die Verpflichtung, Denkmäler, Reste und Relikte der jüdischen materiellen und geistigen Kultur zu erhalten, denn es geht um einen Bestandteil der jüdischen Kultur in der Slowakei. Juraj Spitzer

Die schönsten, wahrsten, menschlichsten europäischen Erinnerungen verdanke ich dieser ungarischen Bürgerkultur in der Grenzstadt [Kaschau], eine bessere habe ich später nirgendwo auf der Welt gefunden. Sándor Márai

Viele der heute wieder leuchtenden Metropolen des östlichen Europa sind Städte nicht nur mit einer, sondern mit vielen Vergangenheiten. Man sieht ihnen bis heute an, daß sie Vielvölkermetropolen waren und daß sie von den Säuberungswellen des 20. Jahrhunderts geschundene Städte sind. Heute dürfen, ja: müssen wir die verborgenen und so lange verschwiegenen Geschichten wieder zum Sprechen bringen ... wo auch immer. Karl Schlögel

In Kaschau herrschte damals ein intensives intellektuelles Leben, nicht nur, was politische Inspiration anging, sondern viel mehr noch in künstlerischer und kultureller Hinsicht. Eduard Goldstücker

Leseproben aus dem Kaschauer Lesebuch

Es liegt aber Kaschau [...] zwischen hohen Bergen in einem Grunde, und ist Sommerszeiten gefährlich, dahin zu reisen [...] Die Kaschauer Berge sind der Rauber ihre Kammern [...] Es ist aber in Kaschau eine überaus ungesunde Luft und alle sieben Jahr fast eine Pest. Ein Fremder wird bald krank und bekommt das Fieber, wann er Kaschauer Wein trinket. Die Leute, sonderlich das Weibesvolk, seind einer gelben bleich Farbe [...] Wer nun diese Kaschauer Krankheit überstehet, bleibet hernach gesund.Daniel Speer, 1683

Die Leute, die hier verkaufen, die Leute, die hier kaufen, haben zumeist nichts zu lachen. Nur ein alter weißbärtiger Jude [...] lacht, lacht ein lautes, meckerndes Gelächter. Er bietet einen Scherzartikel feil [...] Er lacht von Wochenmarkt zu Wochenmarkt, er lacht vielleicht schon seit dreißig, seit vierzig Jahren [...] um ein paar Kaschauer Gassenbuben oder ein paar Slowakenmägde zum Kauf des albernen Scherzartikels zu bewegen, er lacht und ist wahrscheinlich ein würdiger, ernster, frommer Greis, Vorsteher eines Gebethauses, hat daheim Kinder und Enkelkinder, die er etwas Tüchtiges lernen lassen möchte, Not, Schwäche und Sorge foltern seinen Kopf, sein Herz und seinen Körper, und er muß tun, als lache er sich tot über eine pissende Puppe. Egon Erwin Kisch, Mittwoch in Kaschau, 1925

Michael Okroy, geboren 1959, ist Literatur- und Sozialwissenschaftler. Seit 2002 freiberufliche Tätigkeit im Bereich Dokumentation und Recherche zur Zeitgeschichte, zahlreiche Veröffentlichungen. Zuletzt erschienen Volksgemeinschaft, Erbkartei und Arisierung. Ein Stadtführer zur NS-Zeit in Wuppertal (2003) und – zusammen mit Ulrike Schrader: Der 30. Januar 1933 – ein Datum und seine Folgen. Aktuelle Forschungen zum Nationalsozialismus in Wuppertal (2004).

Michael Okroy:
"Kaschau war eine europäische Stadt ..." Ein Reise- und Lesebuch zur jüdischen Kultur und Geschichte in Košice und Prešov /
"Košice boli európskym mestom ..." Sprievodca a citanka židovskej kultúry a židovskych dejín v Košiciach a Prešove.
Zweisprachige Ausgabe. Ins Slowakische übersetzt von Adam Bžoch.
Herausgegeben im Auftrag der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal e. V.
248 Seiten, Paperback. Mit zahlreichen Abbildungen.
€ 24 / SFr 36 / SK 490
ISBN 3-938375-01-9

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